Keine Werbebotschaft weist auf die Barfüßerkirche hin, kein Turm, nicht einmal ein sonntägliches Glockengeläut. Die Barfüßerkirche scheint stumm zu sein. Bescheiden steht sie in der zweiten Reihe, verborgen im Hintergrund des geschäftigen Getriebes der Fußgängerzone. Und doch hat die Barfüßerkirche die Geschichte der Stadt Pforzheim entscheidend mitgeprägt.
Die Barfüßerkirche in ihrer heutigen Gestalt ist der Rest einer einst wesentlich größeren Hallenkirche, die sich nach Westen bis zur „Jägerpassage“ erstreckte. Es handelte sich um die Klosterkirche der Franziskanermönche, die auch „Barfüßer“ genannt wurden und sich nach urkundlicher Überlieferung ab 1270 innerhalb der Stadtmauern ansiedelten. Die gotische Hallenkirche und die nördlich anschließenden Klostergebäude wurden 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg erheblich beschädigt und bis1744 überwiegend beseitigt. Hinter der Orgelempore sind noch Spuren des „Triumphbogens“ zu erkennen, die zugemauerte Öffnung zum früheren Kirchenschiff. Übrig blieb allein der Langchor, der „Barfüßerchor“. Beim schweren Luftangriff auf Pforzheim vom 23. Februar 1945 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs erlitt auch dieser schwerste Schäden, wurde jedoch 1947-59 wiederhergestellt.
Das schlichte, turmlose Äußere mit hoch aufstrebenden Strebepfeilern und Maßwerkfenstern ist typisch für die frühe gotische Bettelordensarchitektur. Zu dem ursprünglich den Mönchen vorbehaltenen Langchor gehören auf der Südseite die Sakristei und ein Treppenturm, der 1939 nach Befunden rekonstruiert wurde.
Ungefähr am Platz des früheren Langhauses schließt heute das Bernhardusheim an, am Platz der früheren Klostergebäude das Haus des Caritasverbandes.
Der ehemalige Kirchen- und Klosterbereich im Anschluss an den erhaltenen Chor wurde in den Jahren 1938/39 archäologisch untersucht. Mannshohe Reste der Umfassungsmauern sowie das Gewändeportal im Westen wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg „enttrümmert“, ebenso der mächtige gewölbte Klosterkeller nördlich des Barfüßerchors.
Der Innenraum mit seinem polygonalen Chorschluss wirkt schmal und hoch. Kreuzrippen tragen die Gewölbe. Raumbestimmend sind die 1941-43 von dem Münchner Sepp Frank gestalteten Farbglasfenster, die wegen des Krieges zunächst eingelagert waren und dadurch der Zerstörung entgingen. Sie wurden 1959 eingebaut. Es handelt sich um einen 11-teiligen Zyklus mit Maria als Himmelskönigin im dominierenden Ostfenster, Szenen aus dem Leben Jesu sowie den mittelalterlichen Pforzheimer Kirchenpatronen: Hl. Martin (Altstädter Kirche), Hl. Michael (Schlosskirche), Hl. Franz von Assisi (Barfüßerkirche).
Schon beim Betreten des Kirchenraums fällt der Blick auf einen Christus-Korpus, der in der Mitte des Chores hängt. Der geschnitzte Korpus stammt von einem gotischen Kruzifix unbekannter Herkunft und wurde in den 1930er Jahren erworben. Ungewöhnlich erscheint zunächst, dass der Korpus nicht auf ein Kreuz montiert wurde, sondern direkt an der Wand vor dem Hintergrund eines scheinbar ornamentalen Freskos hängt. Bei näherem Betrachten erkennt man in dem blaugrauen Rand des Freskos die Umrisse eines Senfkorns und in dessen Innerem die typischen, lanzettförmigen Blätter des Schwarzen Senfs (Brassica nigra). Das erinnert uns an das Gleichnis vom Senfkorn hin, über das Jesus sagt:
„Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse.“ (Markus 4, 30-32).
Das Ensemble aus Christus-Korpus und Fresko verdeutlicht den Zusammenhang zwischen dem Kreuzestod und der Heilserwartung, denn nur durch das Leiden und Sterben des Messias ist es möglich, dass das Reich Gottes schon heute unter uns anbrechen kann. Dadurch, dass der gekreuzigte Heiland nicht am toten Holz des Kreuzes hängt, sondern in etwas Lebendiges und Wachsendes eingebettet ist, kommt zum Ausdruck, dass der Tod Jesu nicht vergeblich war, sondern die Voraussetzung dafür, dass aus der kleinen Schar der Jünger eine große, weltumspannende Kirche werden konnte.
Zur Kirchenausstattung gehören außerdem die Grabplatte der Margret Berger; geb. Lutz von Ehingen, gestorben 1552, aufgefunden 1938 im ehemaligen Langhaus der Barfüßerkirche, und die Grabplatte der Äbtissin Luitgard von Asperg, gest. 1374 aus dem Dominikanerinnenkloster am Waisenhausplatz, 1959 hierher verbracht.
Im Jahre 1182, als die neue Stadt Pforzheim gerade in den Anfängen steckte, erblickte im italienischen Assisi Giovanni Francesco Bernardone das Licht der Welt. Sein Vater war ein reicher Tuchhändler, seine Mutter stammte aus der Provence. Zu Hause wurde italienisch und französisch gesprochen. Die Eltern nannten ihren Sprössling deshalb Johannes den Französischen, Giovanni Francesco. Franz von Assisi, ein lebenslustiger, dynamischer junger Mann, wurde zum Begründer einer religiös-spirituellen und sozialen Bewegung, die sich bald über ganz Europa verbreiten sollte. Er predigte die Botschaft von der persönlichen Bedürfnislosigkeit, der Schöpfung Gottes und der Nächstenliebe.
Von Franz von Assisi stammt der berühmte „Sonnengesang“:
„Gelobt seist Du, Gott, mit allen Deinen Geschöpfen, vor allem der Schwester Sonne, der edlen Herrin, die uns den Tag und das Licht schenkt. Schön ist sie und strahlend im großen Glanz, Dein Gleichnis ist sie, Höchster!“
„Gelobt seist Du, Gott, mit allen Deinen Geschöpfen, vor allem der Schwester Sonne, der edlen Herrin, die uns den Tag und das Licht schenkt. Schön ist sie und strahlend im großen Glanz, Dein Gleichnis ist sie, Höchster!“
Die Franziskaner verzichten als äußeres Zeichen auf jeden Besitz, bauten ihre Kirchen ohne Turm und gingen barfuß in Sandalen, weshalb man sie auch die „Barfüßer“ nannte. Bald war der Orden der Franziskaner äußerst populär und in vielen größeren Städten vertreten. Er widmete sich der Seelsorge und der Hilfe für die Ärmsten, also der Stadtmission und der Sozialhilfe. Die Franziskaner waren vermutlich nach den „Reuerinnen“ der zweite klösterliche Orden, der sich in Pforzheim nieder ließ. Das Kloster der Reuerinnen wurde später von den Dominikanerinnen weitergeführt.
Der bedeutendste Guardian (=Klostervorsteher) des Klosters der Franziskaner in Pforzheim war Konrad Pellikan, ein dem Humanismus nahestehender Gelehrter. Während Pellikans Amtszeit trat Sebastian Münster ins Pforzheimer Franziskanerkloster ein. Auf Anregung von Pellikan und Reuchlin studierte Münster die hebräischen Quellen des Alten Testaments. Später lehrte er an den Universitäten von Heidelberg und Basel. Berühmtheit erlangte seine „Cosmographia“, der erste Weltatlas, mit Beschreibungen, Bildern und Karten, gedruckt 1543 in Basel. In vielen weiteren Auflagen verbreitete sich dieser Weltatlas in deutscher, französischer, italienischer und lateinischer Sprache.
Mit der Einführung der Reformation in Pforzheim 1556 durch Markgraf Karl II. wurden die drei Stadtklöster der Franziskaner, Dominikaner und Dominikanerinnen aufgelöst und gingen in markgräflichen Besitz über. Im Kloster war zeitweise eine Schule untergebracht; die Barfüßerkirche soll als Kornspeicher gedient haben. Als die Wirren des Pfälzischen Erbfolgekrieges französische Truppen die Stadt heimsuchten, brannten sie 1689 auch die ehemalige Franziskanerkirche bis auf ihre Außenmauern nieder,
Der verschonte Barfüßerchor wurde 1768 zum Gotteshaus der französisch-reformierten Kirchengemeinde. Erstmals seit mehr als einhundert Jahren fanden dort wieder Gottesdienste statt, nun in französischer Sprache. Bereits im Jahr 1700 hatte Markgraf Friedrich Magnus den in Frankreich verfolgten Hugenotten einen Freiheitsbrief ausgestellt, der ihnen das Recht auf Zuwanderung und freie Ausübung ihres calvinistischen Glaubens in Baden zusicherte. Französischsprachige Zuwanderer gaben Pforzheim insbesondere mit der Gründung der Schmuck-Manufaktur im Waisenhaus 1767 entscheidende Impulse für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung.
Erste katholische Gottesdienste in Pforzheim fanden ab 1784 im Betsaal des Waisenhauses statt. 1823 gestattete der Großherzog die Wiederbegründung einer katholischen Pfarrei in Pforzheim und verkaufte die Barfüßerkirche. Nun wurde sie zum Gotteshaus der katholischen Gemeinde. Die Barfüßerkirche bildet damit die „Urzelle“ für das katholische Gemeindeleben im modernen Pforzheim. Von ihr ging 1891 die Gründung der heutigen Franziskuskirche und 1925 der Herz-Jesu-Kirche aus. Heute dient sie vor allem der italienischen, spanischen und portugiesischen Mission als Ort der Begegnung und Gottesdienstfeier.
Zusammenfassung:
Der Chor der Barfüßerkirche erinnert an das älteste der drei Stadtklöster, das zu den frühen deutschen Niederlassung der Franziskaner zählte. Der von Franz von Assisi begründete Orden widmete sich vorrangig der Stadtmission und Sozialfürsorge. Zur Zeit des Guardians Konrad Pellikan wirkte dort als Mönch der später berühmt gewordene Geograph Sebastian Münster. Der Reformation folgten Verfall und Abbruch der Kirche und Klostergebäude, während der Chorraum ab 1768 der französisch-reformierten Gemeinde als Gottesdienstraum diente und 1825 durch die katholische Gemeinde erworben wurde. Im großräumigen heutigen Stadtbild wirkt der Barfüßerchor zugleich als Mahnmal der Stadtzerstörung.
